Alle Beiträge von Helga Lindner

Leserbriefe: Liverpool Oratorium

„Misslungener Artikel“

Leserbrief, Fürstenfeldbrucker Tagblatt, 05.10.06
zu „Chöre glänzen mit Pfiff“ v. 2./3. Oktober:

„Wenn etwas misslungen ist, dann ist es Ihr Artikel. In egomanischer Manier, um mit Ihren Worten zu sprechen, üben Sie Musik-Kritik und behaupten subjektiv, das Liverpool Oratorium sei misslungen und ein unerträglicher Kitsch. Um nicht provokant und banal zu bleiben, loben Sie am Schluss alle Ausführenden für ihre beeindruckende Leistung, danke. Kein Wort von der einzigartigen Atmosphäre in der Klosterkirche, die Zuhörer waren fast zwei Stunden lang mäuschenstill und immer wieder neugierig gespannt, was bringt wohl der nächste Akt. Auch keine Bemerkung über den fünfminütigen Applaus am Schluss der Aufführung, was für den Eindruck der Anwesenden spricht. Und die reine, herrliche Knabenstimme drang vielleicht nicht an Ihr Ohr, fand jedenfalls kein Gehör in Ihrem Bericht. Ebenso stand nichts zu lesen über die großartige Leistung von Dirigent Klaus Linkel, der nicht nur die schwierige Partitur glänzend beherrschte, sondern auch auf die jeweiligen Einsätze von Orchester, Kinderchor, Frauenchor, Männerchor, vier Solisten, Knabenstimme, Organistin und Sprecher rechtzeitig aufmerksam machte. Dafür fachsimpeln Sie über Richie Blackmore und Jeff Lynne zehnzeilig. Man hat den Eindruck, Sie waren zeitweise geistig oder körperlich abwesend. Was werden Sie wohl das nächste Mal für Anker auswerfen?“
Ludwig Lösch
Fürstenfeldbruck


„Viel Umsicht“

Leserbrief, Fürstenfeldbrucker Tagblatt, 13.10.06
zu „Chöre glänzen mit Pfiff“ v. 2./3. Oktober:

„Die Überschrift verspricht dem Leser zunächst viel. Man kann sich aber des Eindrucks nicht erwehren, dass sich der Schreiber dieses Artikels entweder nur kurze Zeit bei der Aufführung des Liverpool Oratorio aufgehalten oder zu dessen Musik keinen Zugang gesucht oder gefunden hat. Mag es nach Worten des Schreibers Kitsch sein, was der Komponist verfasst hat; viele Zuhörer empfanden wie auch ich die Musik in jedem Teil des achtgliedrigen Stückes malend und ausdrucksvoll und von Orchester, Chor und Solisten in einfühlender Weise wiedergegeben. Dies bestätigten auch die vielen Besucher mit ihrem großen Beifall. Ob Popsänger sich an der Klassik „vergreifen“ sollten oder nicht, darüber könnte man seine Meinung kürzer darlegen. Dann hätte man mehr Gelegenheit gehabt, das herauszustellen, was der musikalische Leiter der Aufführung tatsächlich aus dem Werk gemacht hat und mit wie viel Umsicht, Einfühlungsvermögen und innerer Ruhe Klaus Linkel das Ganze geleitet hat. Auch die Solisten, ich denke da besonders an den schönen Knabensopran, hätten ein wenig mehr Würdigung verdient. Dass das Werk seit seiner Entstehung 1991 im Münchner Raum nie aufgeführt worden ist, mag mit daran liegen, dass es an einen Laienchor enorme Anforderungen stellt. Im Übrigen sind in der Musikgeschichte schon öfter Werke bekannter Komponisten lange in der Versenkung gelegen, bevor man sie entdeckt bzw. schätzen gelernt hat.“
Christl Trauner
Moorenweis

Fürstenfeldbrucker Tagblatt: Liverpool Oratorium

Die Chöre glänzen mit Pfiff

Chorgemeinschaft MGV Bruck führt Liverpool-Oratorium auf

VON RAFAEL SALA

Fürstenfeldbruck – Solch ungewöhnliche Klänge in Bayerns Barock-Perle Kloster Fürstenfeld? Während draußen die mittelalterlichen Barden tanzten und Schmiede auf glühendes Eisen hämmerten, ging es drinnen reichlich modern zu: Gut besucht war das Gotteshaus zur Premiere von Paul McCartneys Liverpool-Oratorium.

Der wahrscheinlich berühmteste lebende Pop-Star hat ein einziges Mal in seinem Leben den Anker in schöngeistige Gewässer ausgeworfen. Gott sei Dank ist es dabei geblieben. Die Tatsache, dass das Werk des Ex-Beatle-Sängers im Raum München erstmals 15 Jahre nach seiner Entstehung aufgeführt wird, spricht für sich. Denn es ist immer so eine Sache, wenn es Rock-Musiker in die Klassik drängt – meist wird nichts daraus. Rainbow-Gitarrist Richie Blackmore war der Überzeugung, dass aus seinem E-Gitarrensound Beethoven herauszuhören sei. Jeff Lynne, Leader der 70er-Jahre-Kultband ELO, ließ das Bonner Genie gar über einen Rock´n Roll hüpfen, den er ihm eigens widmete.

Ein Chor- und Geigendenkmal

Beatle-Star Paul McCartney ging noch einen Schritt weiter: Mit seinem 1991 komponierten Oratorium setzte er sich selbst ein Chor- und Geigen-Denkmal. Egomanie und Selbstüberschätzung gehen bekanntlich Hand in Hand.

Es gibt nichts schönzureden: Das Werk ist misslungen. Musikalisch, literarisch, künstlerisch. Es ist ein Mix aus Soap, Musical und Klamauk, aufgeblasen mit einer rührenden Schicksalssemantik, getarnt mit der Weihe von Orgelnebel und Sängerpathos, zusammengehalten durch die Klammer Gott. Musik und Text stehen nicht in Beziehung zueinander. Es ist ein unerträglicher Kitsch: Ein bisschen Krieg, ein bisschen Krisen, ein bisschen Frieden, und alles löst sich in Wohlgefallen auf, ist man nur von Gott und dem Sinn des Lebens überzeugt. Für dieses gefühlstriefende Verständnis von klassischer Musik freilich können die Beteiligten der Aufführung nichts: Die Chorgemeinschaft Fürstenfeldbruck, der Jugendchöre Sound of Voices und Grashoppers, der Gesangverein Maisach sowie die Vogtland-Philharmonie unter der Leitung von Klaus Linkel holten aus dem McCartney-Opus raus, was rauszuholen ist. Alle boten eine durch und durch beeindruckende Leistung: Die Chöre glänzten mit Pfiff, Verve und einer breiten Farbpalette, das Orchester fügte sich geschmeidig in den Handlungsgang ein, und die Solisten (insbesondere Sopranistin Susanne Winter) färbten die auftretenden Charaktere mit Wärme und Charme. Zu guter Letzt konnte man der Musik doch noch so etwas wie ein sinnliches Vergnügen abgewinnen dank des Sprechers Ortwin Spieler, der sich mit seinen feinen Schattierungen in der Artikulation auf Spannungselemente verstand.

Leserbriefe zu diesem Artikel

Fürstenfeldbrucker Tagblatt: Mozart-Nacht

Mozarts Violinenkonzert leicht und schwerelos gespielt

Fürstenfelder Kultursommer: Geigerin Veronika Novotná begeistert das Publikum

VON RAFAEL SALA

Fürstenfeldbruck – Einfach unglaublich, wie klar und zart zugleich Mozarts Violinkonzerte klingen können. Während sich die Wolken über Kloster Fürstenfeld pechschwarz zusammenballten und ein launiger Wind Sturm befürchten ließ, schickte die Geigerin Veronika Novotná bezaubernd leichte Töne in die Lüfte.
Gut besucht war der Innenhof der Polizeifachhochschule Fürstenfeldbruck an diesem Wochenende – immer wieder ist dieser wie ein Quadrat eingefasste Wiesen Winkel mit dem Blick auf die wuchtige Südfassade des Fürstenfelder Gotteshauses ja eine Stätte exquisiter Konzerte. Und was passt besser zur Barock-Idylle mit Girlanden; Putten; Mauervorsprüngen, Blendwerk, Gips, Stuck und allerlei anderen Elementen verspielter Lebensfreude als ein reiner Mozart-Abend?
In vollen Zügen, wenn auch bei unruhigem Wetter, genossen die Zuhörer die Serenade am Sommerabend im Rahmen des Fürstenfelder Kultursommers. Das lag vor allem an Klaus Linkel, dem Leiter der Tschechischen Kammerphilharmonie Prag, der an diesem Abend ein überaus glückliches Händchen hatte.

Kleine Nachtmusik umsichtig angepackt

Die „Kleine Nachtmusik“, Mozarts wohl populärste Streicher-Serenade, packte er umsichtig und klug an: Nie gestattete er ein Ausbrechen der Violinen, die es bei dem temperamentvollen Hauptthema schon einmal über Gebühr nach vorne drängen kann. Linkel hielt die Instrumentengruppen vielmehr in ausgewogener Distanz zueinander – nicht nur im Kopfsatz, der mit seinen Verzierungen wie ein einziges Vogelnest zu zwitschern scheint, sondern auch in der nachfolgenden, süßen Romance und dem abschließenden, wilderen Rondo.

So entstand ein wünschenswert abgeklärter Mozart, der übertriebene Färbungen nicht nötig hat, um dem Publikumsgeschmack zu entsprechen. Der stellt sich nämlich von selbst ein: Wenn man auf Akribie und forcierte Spannungen verzichtet, die einem Beethoven gut anstehen würden, bei Mozart aber zu verfehlten Show-Effekten führt.

Eine einzige Wonne war auch das A-Dur-Violinkon­zert KV 219; Mozarts wohl berühmtestes. Solo- und Orchesterpart befanden sich in vollkommenem Gleichgewicht. Novotná verzückte mit einem schlanken Ton, der sich gerade so viel Vibrato erlaubte, um die Melodienseligkeit und die Leichtigkeit dieser vier Sätze nicht zu gefährden. Glückliche Schwerelosigkeit: Und das, wo das nahende Gewitter über Kloster Fürstenfeld zu Boden drückte.